Norwegens Weg in eine emissionsfreie Zukunft

Nina
28.08.2018, 11:23:20

Norwegen – Land sprudelnder Erdölquellen und Geld im Überfluss. So jedenfalls wird das skandinavische Land seit Langem aus wirtschaftlicher Sicht gesehen.

Doch Erdöl ist ein begrenzter Rohstoff und auch sinkende Ölpreise bedrohen die mehr als 200.000 Arbeitsplätze der Branche. Die Situation ist natürlich auch dem norwegischen Staat bewusst und so werden auf lange Sicht Alternativen gesucht, die dem abnehmenden Wirtschaftswachstum entgegenwirken können. Neben dem Fischexport liegen die Hoffnungen vor allem auf dem Tourismus. Aber ob dieser die Lücke der Ölindustrie – immerhin 1/5 der norwegischen Wirtschaftsleistung – auffangen kann, ist fraglich. Klar ist jedenfalls, dass Norwegen mehr auf menschliche Innovation als auf natürliche Ressourcen setzt. Somit bietet der Wegfall vieler Stellen in der Ölindustrie auch Chancen, die Ingenieure werden frei für andere Branchen.

Norwegen hat Arbeitskräfte mit technischem Knowhow und einen Pensionsfond aus Zeiten des Erdölbooms, wie er kein zweites Mal auf der Welt existiert. Ideale Voraussetzungen, um in Technologien und globale Konzerne zu investieren. Und genau das macht das Land auch: Norwegen ist führend auf dem Gebiet der Elektrifizierung von Fahrzeugen. Es scheint paradox, aber nun werden Alternativen zu dem Rohstoff, zu der Industrie gefördert, die das Land einst so reich gemacht hat. Dank der Milliarden an Einnahmen durch das Erdöl, kann jetzt in Technologien investiert werden, die in Zukunft den Gebrauch von diesem verzichtbar machen. Und Norwegen hat ambitionierte Ziele!

Umweltfreundlicher Tourismus

Dieser Umweltkurs soll nicht nur die Wirtschaft ankurbeln, sondern auch ganz nebenbei positive Effekte auf den Tourismus haben. Norwegen gilt als zukunftsdenkendes Land, welches gleichzeitig durch seine unvergleichbare Natur zu einem Touristenmagnet geworden ist. Hinzukommt, dass der sinkende Kronenwert das Land für Touristen erschwinglicher macht als noch vor ein paar Jahren. Auch aus Image-Gründen passt das Ziel Norwegens als emissionsfreies, klima- und umweltbewusstes Land somit perfekt in die Marketingstrategie der Tourismusverbände.

eRally am Geiranger mit 50 E-Autos. E-Rally mit 50 Eelektro-Autos am Geiranger. © Ståle Frydenlund / elbil.no

Dass es sich hierbei aber um eine Strategie mit Hand und Fuß und nicht nur um leere Versprechungen handelt, wird schnell klar. Norwegen lässt seinen Versprechungen nämlich auch Taten folgen:

Norwegens Weg in eine umweltfreundliche Zukunft

Die Entwicklung von Elektro-Flugzeugen steckt im Vergleich zu anderen E-Fahrzeugen noch in den Kinderschuhen. Vor allem die langen Distanzen ohne Möglichkeit die Batterien wieder aufladen zu können, stellen besondere Anforderungen an die Technik. Bis Langstreckenflüge vollständig über Elektromotoren abgewickelt werden, wird es wohl noch etwas dauern, aber Norwegen plant bis 2040 zumindest alle Kurzstrecken, zum Beispiel zwischen einzelnen Inselgruppen, von Elektroflugzeugen durchführen zu lassen. Die norwegische Regionalfluggesellschaft Widerøe, die skandinavische Fluggesellschaft SAS sowie die Klimastiftung Zero planen zusammen mit dem Norwegischen Flugsport Verband und dem Staatskonzern Avinor ein langfristiges Projekt zur Einführung von Elektrofahrzeugen in die norwegischen Luftfahrt. Ziel ist es das internationale Interesse zu steigern, sodass in den nächsten 1-2 Jahren die ersten Ausschreibungen für Flugzeuge mit einer Kapazität von bis zu 50 Sitzplätzen gemacht werden.

Dass die Entwicklung Zukunft hat wird deutlich, wenn man sieht, dass auch die großen Flugzeugbauer wie Airbus und Boeing investieren. Eine Alternative zum vollelektrischen Antrieb könnte hier ein Hybridmotor sein. Hieran arbeiten zurzeit in einem gemeinsamen Projekt Airbus, Siemens und der britische Triebwerkhersteller Rolls-Royce in der norwegischen Küstenstadt Trondheim.

Elektro-Autos sind in Norwegen längst im Alltag angekommen

E-Autos sind wohl die Fahrzeuge, die uns im Alltag am häufigsten begegnen. Theoretisch ist heute jeder dazu in der Lage sich sein eigenes E-Auto zu kaufen und somit seinen eigenen kleinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. In Norwegen herrscht gerade ein regelrechter Boom an E-Autos, so groß, dass die Hersteller Lieferschwierigkeiten haben. Der Grund: Der norwegische Staat fördert sowohl den privaten Kauf von E-Autos als auch den Einsatz von staatlichen E-Fahrzeugen wie Bussen. Besitzer von E-Autos müssen in Norwegen außerdem keine Kfz-Steuern zahlen, was die Anschaffung eines Elektroautos sogar günstiger machen kann, als die eines mit Verbrennungsmotor. Ebenso entfallen oftmals die Mautgebühren, oder sind zumindest stark reduziert. Auch die in Deutschland oft als Ausschlusskriterium angeprangerte geringe Reichweite der Autos, hält die Norweger nicht vom Kauf ab. Rund 40 % der registrierten Neuwagen in Oslo sind E-AutosIn Deutschland noch undenkbar. Die Anzahl der Ladesäulen hinkt dem Boom zwar etwas hinterher, aber das Ziel von zwei Schnellladesäulen alle 50 Kilometer konnte mittlerweile auf den Hauptverkehrsstraßen realisiert werden.

Ladestation für E-Autos in Norwegen. Eine der vielen Ladestationen für E-Autos in Norwegen. © Ståle Frydenlund / elbil.no

Emissionsfreie Gewässer

Zum Thema rund um Norwegens Einsatz für saubere Fjorde gibt es einen eigenen Artikel. Das Ziel hier: ab 2026 dürfen nur noch emissionsfreie Schiffe in Norwegens Welterbe-Gewässer einlaufen.

Norwegen ist nicht nur reich an Öl, sondern auch an Öko-Strom

Doch woher kommt eigentlich der ganze Strom für die Elektromotoren? Norwegen erzeugt massenhaft umweltfreundlichen Strom aus Wasserkraftwerken, soviel, wie es selbst kaum verbrauchen kann. Strom ist hier so günstig, dass Verbrennungsmotoren eigentlich gar nicht mehr gebraucht werden.

Auswirkungen auf den Tourismus

Viele der norwegischen Maßnahmen zur Unterstützung des Klimas, haben noch keine großen Auswirkungen auf den Tourismus. Zwar haben E-Autos oft Vergünstigungen bei Maut und Fähren, aber diese Beträge sind für ausländische Reiseanbieter wohl noch kein Grund ihre eigenen Fahrzeuge umrüsten zu lassen. Anders sieht es da bei den Individualreisenden aus. Für diese Gruppe kann es durchaus interessant sein, sich in Zukunft im Land ein E-Auto zu mieten, anstatt mit dem eigenen konventionellen Fahrzeug anzureisen. Norwegen hat es sich zum Ziel gesetzt ab 2025 nur noch emissionsfreie Autos zuzulassen, ob und ab wann aber ein generelles Fahrverbot für Autos mit Verbrennungsmotor eingeführt wird, steht noch nicht fest.
Lediglich in der Schifffahrt ist bereits jetzt zu erkennen, dass auch internationale Konzerne umdenken, um weiterhin ihre Kunden mit Norwegenreisen bedienen zu können.

Offene Fragen

Die Ziele sind klar formuliert, doch die Entwicklung steht am Anfang, viele offene Fragen bleiben, auf die nur die Zeit eine Antwort weiß. Bei allen positiven Kritiken, die durchaus zurecht ausgesprochen werden, bleiben auch Zweifel.
Wie nachhaltig sind die neuen Motoren eigentlich? Auch das Gas für den  LNG-Antrieb ist eine natürliche Ressource und damit begrenzt verfügbar. Außerdem ist nicht jede Gewinnung von Gas umweltfreundlich, Stichpunkt Fracking. Hat Norwegen genug eigene Werften für die Entwicklung und den Bau der neuen Fahrzeuge oder werden die meisten importiert? Ist der Gewinn für die Wirtschaft im Land dann wirklich noch so groß wie erhofft?
Wir dürfen gespannt bleiben.

Fazit

Norwegen ist in der Position Druck auf die Tourismus-Branche auszuüben. Aber auch die Norweger können nicht zaubern und so wird der Weg zum emissionsfreien Land auch hier in kleinen Schritten erfolgen, bei denen der Tourismus und die Industrie mithalten können. Wünschenswert wäre, wenn andere Länder mitziehen und ihre Klimaziele ebenfalls ambitionierter ansetzen würden.

Titelbild: © Petter Haugneland / elbil.no

Textquellen:
n-tv.de
Wiwo.de
Tagesspiegel.de

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